Astrid Schneider

NDR - Plusminus - Halber Atomausstieg

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NDR - Plus-Minus-Uran

Sendung: Mittwoch 11.09.2013 - 21:30 Uhr in der ARD (im ersten Programm) - Sendung in ARD Mediathek ansehen: hier

Interview mit Astrid Schneider - Autorin des Buches 'Störfall Atomkraft' im Beitrag

"Plusminus": Nur halber Atomausstieg - Deutschland exportiert weiter Brennelemente - link zur PM des NDR

von Alexa Höber, NDR - Zitate aus der PM:

"In Deutschland werden auch nach Abschaltung des letzten Atomkraftwerks weiterhin Brennelemente für den Export hergestellt. Das deckt eine Recherche des Wirtschaftsmagazins "Plusminus" vom NDR im Ersten auf.

(...)

Das bedeutet, dass nach dem Willen der Bundesregierung auch nach dem deutschen Atomausstieg die deutsche Urananreicherungsanlage weiterproduzieren wird. 365 mal im Jahr erreicht zurzeit das gefährliche Uranhexafluorid (UF6) per LKW die Anlage im westfälischen Gronau. Bei Uranhexafluorid handelt es sich um eine chemische Umwandlung von Uran. Uran wird vor allem in Minen in Kasachstan, Kanada, Australien und dem Niger abgebaut. In der Urananreicherungsanlage in Gronau wird das spaltbare Material in seiner Konzentration erhöht und an 50 Kunden in 17 Länder geliefert. Das dabei anfallende abgereicherte Uran wird unter freiem Himmel gelagert. Derzeit sind es an die 9000 Tonnen. Genehmigt ist dort die zeitlich unbegrenzte Lagerung von insgesamt 38.100 Tonnen Uranhexafluorid. Der Betreiber der Anlage, das Unternehmen Urenco, teilte zur Gefahr eines Flugzeugabsturzes mit, dass die Behälter, in denen UF6 im Freilager lagere, nur zu 2/3 befüllt seien. Bei einem voll umschließenden Feuer, das 25 Minuten andauere, könnten diese Behälter bersten. 

(...)

Uranhexafluorid ist eine leicht flüchtige, äußerst giftige, radioaktive und korrosive Verbindung. Aus dem Stoff kann eine der gefährlichsten Säuren entstehen, warnt der Atomphysiker Dr. Sebastian Pflugbeil gegenüber "Plusminus". Bereits bei einer Temperatur von 56,5 Grad wird es gasförmig. Gelangt es in die Umwelt, wird es beim Kontakt mit Flüssigkeit zum Beispiel im menschlichen Organismus zur gefürchteten Flusssäure, die sogar Glas zersetzen kann. 

(...)

Eine Liste, die "Plusminus" vorliegt, zeigt, dass allein im März 2013 neun Mal radioaktives Material durch den Hamburger Hafen transportiert wurde. Wenn Uran zur Weiterverarbeitung verschifft wird, ist häufig nicht bekannt, aus welchem Abbaugebiet es stammt oder wofür es bestimmt ist, kritisiert Uranexpertin Astrid Schneider."

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Astrid Schneider ist Co-Autorin des Buches 'Störfall Atomkraft' (mehr). In diesem Buch schrieb sie ausführliche Kapitel zu:

 

Hier erhalten Sie das Buch Störfall Atomkraft:

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Hintergrundinformationen zu Uranhexafluorid:

Um Brennelemente für Atomkraftwerke herzustellen, muss das Uran angereichert werden. Das geschieht in der Urananreicherungsanlage in Gronau.

Um das Uran anreichern zu können, wird es in Uranhexafluorid umgewandelt. Dieses wird von den 'Konversionsanlagen' aus nach Deutschland und Gronau transportiert, über den Seeweg und den Landweg quer durch Deutschland.

In Gronau lagern derzeit nach Recherchen des NDR 9000 Tonnen des hochgiftigen Materials unter freiem Himmel in Behältern. 

06-Linie-dunkelblauWarum ist Uranhexafluorid so gefährlich?

Hierzu gibt es ausführliche Informationen in der Stoffdatenbank 'GESTIS':

GESTIS - Uranhexafluorid

Quelle: Link zu Uranhexafluorid bei GESTIS

Darstellung der tödlichen Giftigkeit von Uranhexafluorid (UF6) bei der Gefahrenstoffdatenbank des Institutes für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung - GESTIS:

"Hauptwirkungsweisen:

akut: Sehr starke Reizwirkung auf alle Schleimhäute und die
Haut; Lungen-, Nieren- und Leberschädigungen
chronisch: dto., ausserdem Blutveränderungen

Akute Toxizität:
UF6 ist extrem toxisch (0,3 mg/m3 töteten 14 % einer Kanin-
chenversuchsgruppe).
Es ist in jedem Falle die Wirkung von zwei starken Giftkom-
ponenten zu berücksichtigen: HF und 6-wertiges Uran. Letz-
teres wirkt je nach Isotopenanteilen nicht nur chemisch,
sondern auch physikalisch (durch radioaktive Strahlung) to-
xisch. Die anteiligen Effekte dürften zumindest hinsicht-
lich der lungen- und nierentoxischen Wirkung überadditiv
sein.

Bei direktem Kontakt mit den Augen stehen schwerste Verät-
zungen und nachfolgende Geschwürsbildung auf der Hornhaut
im Vordergrund."

GHS-EINSTUFUNG NACH VERORDNUNG (EG) 1272/2008 Einstufung:

H330: Lebensgefahr bei Einatmen.
H300: Lebensgefahr bei Verschlucken.
H373: Kann die Organe schädigen bei längerer oder wiederholter Exposition.
H411: Giftig für Wasserorganismen, mit langfristiger Wirkung."

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Was bedeutet das 'Brunsbüttel-Urteil' für ein solches 'Freiluft-Lager' sowie die fast täglichen Transporte von hoch giftigem Uranhexafluorid in Deutschland?

Während es sehr umfangreiche Proteste gegen laufende Atomkraftwerke sowie den Transport von hochradioaktiven Brennelemente-Resten aus der Wiederaufbereitung gab, blieben der Import, der Transport, die Lagerung, der Export und die notwendige Endlagerung von Uranhexafluorid, von angereichertem und abgereichertem Uran aus der Brennelementefertigung bisher zu wenig beachtet.

Die Sicherheitsmaßnahmen erscheinen beinahe absurd leichtfertig.

Dabei hat sich die Sachlage geändert: in einem spektakulären Urteil zum Zwischenlager in Brunsbüttel wurde 2013 erstmals geurteilt, dass ein Zwischenlager vor Terror geschützt werden muss. Die Anwohner hätten ein Recht darauf, dass Terror mit in die Gefahrenabwägung einbezogen werden muss. Wie gefährlich ist die Freiland-Lagerung von Uranhexaflurid? Fragen, auf welche die Anwohner Antworten brauchen.

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Eine Umwandlung und Endlagerung des Uranhexafluorids ist erforderlich!

Eine Endlagerung auch dieses schwach radioaktiven Materials ist notwendig. Allerdings muss das Uranhexafluorid vorher dringend in weniger reaktive und flüchtige Verbindungen umgewandelt werden. Uranhexafluorid-Lagerbehälter können bei Erwärmung über 60 Grad bereits explodieren, weil das Material vom festen in den gasförmigen Zustand übergeht und die Behälter so sprengen. Das Uranhexafluorid-Gas verwandelt sich beim Kontakt mit Feuchtigkeit (auch Luftfeuchtigkeit genügt bereits) in die stark ätzende Flusssäure und Uranverbindungen um. Beide sind extrem toxisch (s.o.).

Die sicherere Lagerung und die  Umwandlung sind ein erheblicher Aufwand, vor dem man sich bislang drückte. Eine Endlagerdebatte zu diesem leicht radioaktiven und chemisch toxischen Stoff ist notwendig.

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Bisher: Export des Uranabfalls als 'Wertstoff'nach Russland!

Das ZDF deckte auf, dass der Abfall aus der Urananreicherung in Gronau, nämlich das abgereicherte Uran bislang in großem Stile nach Russland exportiert wurde, wie auch die TAZ berichtete und dort in rostigen Fässern in großen Mengen ebenfalls unterfreiem Himmel lagert. Der ZDf Frontal 21-Bericht - hier als YouTube-Video. Nach heftigen Protesten wurde diese Praxis vor ca. drei Jahren gestoppt. Nun bleibt das abgereicherte Uran in Deutschland und niemand weiss wohin damit. Endlager gibt es bislang nicht. Eine dringende Forderung ist allerdings die zügige Umwandlung in weniger gefährliche Uranbindungen. Die Fässer auf dem Hof der Urananlage in Gronau sind ein weiterer Beleg für die Schlampigkeit, den Geiz bei Sicherheitsmaßnahmen und die Hilflosigkeit, bzw. Konzeptlosigkeit im Umgang mit den Überresten des Atomzeitalters in Deutschland. 

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Abgereichertes Uran zu Uranmunition: NEIN!

Urangeschosse im Irak - in Jugoslawienkrieg und in Afghanistan reichen!!!

Eine Lösung müssen wir jedoch mit aller Kraft ausschließen: die derzeit bei der Atomlobby beliebteste Entsorgung des abgereicherten Urans ist der Verkauf an die Rüstungsindustrie, um so genannte 'Uran-Munition' daraus zu machen.

Wegen des hohen Gewichtes des Schwermetalls Uran, kann man besonders gut durchschlagende Geschosse für Panzer und andere z.B. bunkerbrechende Waffen daraus machen. Solche Uran-Geschosse aus 'Depleted Uranium' wurden z.B. vom amerikanischen Militär im Irak in Falludscha eingesetzt, im Kosovo und in anderen Kriegen. Die Folgen sind schrecklich: das Uran zerstreut sich bei der Explosion als atemwegsgängiger und wasserlöslicher Staub in die Umgebung - und ist nie wieder aus der Biosphäre zu bekommen. Die langfristigen chemisch und physikalisch toxischen Wirkungen des Urans sind für immer vorhanden.

Der Spiegel berichtet darüber wie folgt:

"DER SPIEGEL - Uranmunition: Strahlende Altlast des Krieges

(...)

Ein Wissenschaftlerteam des in Kanada ansässigen Uranium Medical Research Centre (UMRC) untersuchte im September und Oktober zwei Wochen lang die Hauptschauplätze des letzten Irak-Kriegs. Die Experten, die bereits mit ähnlichen Aktionen in Ex-Jugoslawien und Afghanistan für Aufsehen gesorgt hatten, meldeten auch aus dem Irak beunruhigende Erkenntnisse.

In der Umgebung der Stadt Abu Khasib etwa, dem Ort einer der wenigen großen Panzerschlachten des Kriegs, habe das Niveau der radioaktiven Strahlung das Zwanzigfache des Normalwerts betragen. An einzelnen abgeschossenen irakischen Panzern stellten die Wissenschaftler nach eigenen Angaben gar das 2500-fache der natürlichen Radioaktivität fest.

"An einer Stelle waren die Messwerte so hoch, dass unsere Instrumente Alarm schlugen und von einer weiteren Annäherung warnten", sagte UMRC-Vizedirektor Tedd Weymann der britischen Zeitung "The Observer". "Auf den Panzern spielten zur gleichen Zeit Kinder." Zeugen hätten berichtet, dass britische Soldaten nach den Kampfhandlungen das Schlachtfeld von Abu Khasib inspiziert hätten - eingehüllt in Strahlenschutzkleidung. Übersetzer hätten die Bevölkerung davor gewarnt, den Panzerwracks zu nahe zu kommen.

Nach offiziellen Zahlen, so der UMRC-Bericht, verschossen Briten und Amerikaner in diesem Jahr zwischen 100 und 200 Tonnen Uranmunition im Irak. Schätzungen anonymer Quellen bei den Vereinten Nationen und im Pentagon gingen dagegen von der zehnfachen Menge aus. Ziele seien nicht nur Schlachtfelder in der Wüste gewesen, sondern auch besiedelte Gebiete bis hin zu Stadtteilen im Zentrum Bagdads.
Munition aus abgereichertem Uran ("depleted uranium", DU) wird von Nato-Streitkräften seit den siebziger Jahren im Kampf gegen Panzer verwendet. Durch seine Dichte, die um 70 Prozent höher liegt als die von Blei, verleiht das Uran dem Geschoss ein hohes Gewicht und damit eine enorme Durchschlagskraft. Eine mit Uran gefüllte Ein-Liter-Wasserflasche würde 19 Kilogramm wiegen."

(...)

Was ist zu tun gegen Waffen mit Uran-Munition?

Wir brauchen eine internationale Initiative, um das vorsätzliche Vergiften ganzer Landstriche durch Uranmunition umgehend zu beenden. Dazu ist Uran in Waffen jeglicher Art international zu ächten, nach dem Vorbild der Landminen.

Die Forderung nach einem internationalen Bann für Uranmunition erheben der 'IPPNW - Ärzte gegen Atomkrieg' und die 'International Coalition to Ban Uranium Weapons (ICBUW)'

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Die zivile und militärische Nutzung des Urans und der Atomkraft sind untrennbar verknüpft und müssen gemeinsam beendet werden

Nur ein vollständiger Ausstieg aus der zivilen Nutzung der Atomkraft kann die Freisetzung von Uran und radioaktiven Spaltprodukten in die Umwelt beenden.

Hierzu berichteten wir bereits ausführlich im Buch 'Störfall Atomkraft'.

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